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Klärschlamm ab 2029: Markt, Preise und Ausschreibung

Wer Teil 1 gelesen hat, weiß: Handeln ist Pflicht. Dieser Beitrag beantwortet die Frage: Wie sieht der Markt aus, was kostet die Entsorgung, und wie kommt man vernünftig an einen Vertrag?

Der Markt in Schieflage

Deutschland erzeugt jährlich rund 1,7 Mio. Tonnen Klärschlamm-Trockenmasse (TM). Davon wurden 2023 etwa 0,66 Mio. t TM in Anlagen verbrannt, die für die Phosphorrückgewinnung geeignet sind – also in Monoverbrennungsanlagen. Die Lücke: ca. 1,4 Mio. t TM pro Jahr fehlen an Kapazität.

33 Neubauprojekte für Monoverbrennungsanlagen sind geplant oder im Bau, zusammen gut 1,0 Mio. t TM/a. Das klingt nach viel – deckt aber die Lücke nicht vollständig. Und nicht alle Projekte werden rechtzeitig fertig. Finanzierungs- und Genehmigungsprobleme bremsen mehrere Vorhaben aus.

Regional entsteht ein Flickenteppich: In NRW und Bayern zeichnen sich Überkapazitäten ab. In Teilen Ostdeutschlands und strukturschwachen Räumen bleibt die Versorgung offen. Der Markt läuft in zwei Richtungen auseinander – und genau das macht Planung so schwierig.

Preisentwicklung: +67 % in vier Jahren

Der durchschnittliche Vergabepreis für kommunale Klärschlammentsorgung ist von ca. 60 Euro pro Tonne Originalsubstanz (2020) auf knapp 100 Euro pro Tonne (2024) gestiegen. Das sind 67 % Steigerung in vier Jahren.

Einzelne Kommunen melden zwar eine Stabilisierung – die Stadt Oelde etwa senkte ihre Entsorgungsgebühren von 115 Euro (2023) auf 100 Euro (2025). Aber das ist kein Trend, sondern ein regionaler Effekt.

Die Prognose: Um 2029 werden die Preise in unterversorgten Regionen erneut deutlich anziehen – der Kapazitätsengpass wird dann voll wirksam. In Regionen mit Überkapazitäten ist dagegen ein Preisverfall möglich. Die Volatilität nimmt zu.

Das bedeutet konkret: Wer heute keinen Langfristvertrag hat, wird 2028/2029 zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt verhandeln müssen. Spot-Entsorgung wird das teuerste Szenario.

Warum jetzt ausschreiben?

Die Jahreszahl 2029 suggeriert Vorlauf. In der Realität ist das Zeitfenster fast geschlossen:

Ausschreibungen für Klärschlammentsorgung haben eine Vorlaufzeit von 12 bis 24 Monaten – von der Leistungsbeschreibung über die Vergabe bis zum Vertragsbeginn.

Für einen Vertragsbeginn zum 1.1.2029 hätte die Ausschreibung spätestens 2026/2027 starten müssen.

Anbieter sichern sich Kapazitäten vertraglich – wer später kommt, hat weniger Auswahl und zahlt mehr.

Die Deutsche Phosphor-Plattform (DPP) und das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) empfehlen ausdrücklich, jetzt langfristig auszuschreiben.

Langfristverträge: 8 bis 10 Jahre

Branchenexperten, DWA und DPP empfehlen übereinstimmend Vertragslaufzeiten von 8 bis 10 Jahren. Das hat gute Gründe: Dienstleister, die in neue Monoverbrennungsanlagen investieren, brauchen planbare Auslastung. Ohne langfristige Zusagen wird nicht gebaut.

Ein solcher Vertrag funktioniert nur mit den richtigen Absicherungen:

Preisgleitklausel
Unverzichtbar bei 10-Jahres-Laufzeit. Bezug auf Energie-, Hilfsstoff- und Indexkosten. Schützt beide Seiten vor unkalkulierbaren Schwankungen.

Redundanzkapazität
Dienstleister muss ein Ausfallszenario nachweisen – z. B. zwei Verwertungswege. Nur eine MVA als Entsorgungspfad ist zu riskant.

Kapazitätsnachweis
Technische Nachweise für die gesamte Vertragslaufzeit verlangen – nicht nur für Jahr 1.

Entsorgungsweg
Explizit vorgeben: Monoverbrennung, Ascheweiterverarbeitung, P-Rückgewinnungsverfahren. Offene Formulierungen führen zu Vergleichsproblemen bei der Vergabe.

Was ins Leistungsverzeichnis gehört

Ein belastbares Leistungsverzeichnis ist die Grundlage jeder Ausschreibung. Wer die oben genannten Vertragsbausteine — Preisgleitklausel, Redundanz, Kapazitätsnachweis, definierter Entsorgungsweg — als Leistungspositionen formuliert, schafft Vergleichbarkeit zwischen Angeboten und reduziert das Risiko von Nachverhandlungen.

Zusätzlich sollten folgende Punkte enthalten sein:

Nachweis der Phosphorrückgewinnung
Bieter muss dokumentieren, wie und wo die Quote erfüllt wird.

Ausfallszenario
Was passiert bei Anlagenstillstand? Welcher Ersatzweg wird aktiviert?

Transportlogistik
Abholrhythmus, Transportentfernung, Zwischenlagerung.

Entwässerungsgrad
Mindest-TR-Gehalt bei Anlieferung, da der Trockenrückstand die Verbrennungskosten direkt beeinflusst.

Für Betreiber ohne LV-Routine – was bei einer Anlagengröße um 22.000 EW eher die Regel als die Ausnahme ist – stellt sich die Frage: Wie formuliert man das alles rechtssicher und vollständig? Genau dafür bietet Klarissa einen strukturierten Prozess mit standardisierten Leistungsbausteinen, automatischer Kostenschätzung und passenden Dienstleister-Vorschlägen.

Interkommunale Kooperation: Bündeln statt allein verhandeln

Für Anlagen unter 50.000 EW ist die alleinige Ausschreibung wirtschaftlich riskant. Das Schlammaufkommen ist zu gering, um für Dienstleister attraktiv zu sein. Die Folge: schlechtere Konditionen oder gar kein Angebot.

Die Antwort der Branche ist Kooperation. LAGA und DPP empfehlen ausdrücklich, interkommunale Synergien zu prüfen. Die Vorteile liegen auf der Hand:

Höheres Ausschreibungsvolumen verbessert die Verhandlungsposition.

Gemeinsame Transportlogistik senkt einen der größten Kostenblöcke.

Geteiltes Planungsrisiko reduziert die Belastung für jede einzelne Kommune.

Bestehende Modelle zeigen, dass es funktioniert – etwa die KLAR (Kooperation Lausitzer Abwasser Recycling) als Zweckverband oder regionale Entsorgungsverbünde in Bayern und Rhein-Main.

Bei einer Anlagengröße von rund 22.000 EW ist der Anschluss an einen bestehenden Entsorgungsverbund oder die Bündelung mit Nachbarkommunen faktisch Pflicht.

Ausblick: Vom Entsorger zum Rohstofflieferanten

Die wirtschaftliche Perspektive verschiebt sich. Phosphor ist im Critical Raw Materials Act (CRMA) der EU als einer von 34 kritischen Rohstoffen gelistet. Europa importiert 100 % seines weißen Phosphors — seit 2012 der letzte europäische Phosphorofen geschlossen wurde. Hauptlieferanten sind Marokko, China und Russland.

Die CRMA-Ziele bis 2030 sind ambitioniert: mindestens 10 % Eigenförderung, 40 % Weiterverarbeitung in der EU und 25 % aus europäischer Kreislaufwirtschaft. Klärschlamm ist der mengenmäßig größte sekundäre Phosphorträger in Europa.

Das FlashPhos-Projekt rechnet damit, bis 2040 rund 50 % des europäischen P₄-Bedarfs aus Klärschlammasche zu decken. Das klingt nach Zukunftsmusik — aber die Investitionsentscheidungen fallen jetzt.

Für Kläranlagenbetreiber bedeutet das: Wer versteht, dass er nicht nur einen Abfall entsorgt, sondern einen strategischen Rohstoff liefert, verhandelt Preise und Verträge anders. Die Kläranlage wird vom Kostenfaktor zum Wertbeitrag.

Sechs Punkte, die jetzt zählen

Der Markt läuft auseinander – regionale Überkapazitäten neben Unterversorgung.

Preise +67 % in vier Jahren – und die nächste Welle kommt 2029.

Langfristverträge (8–10 Jahre) sind die Standardantwort – mit Preisgleitklauseln und Redundanz.

Zeitfenster läuft ab: Ausschreibung spätestens 2026/2027 für Vertragsbeginn 2029.

Kooperation statt Alleingang – besonders für Anlagen unter 50.000 EW.

Phosphor ist strategisch – der Wandel vom Abfallerzeuger zum Rohstofflieferanten hat begonnen.

Fazit

Ein strukturiertes Leistungsverzeichnis ist die Grundlage jeder belastbaren Ausschreibung – Klarissa unterstützt bei der Erstellung, Kostenschätzung und Dienstleistersuche.

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